„Das bildest du dir nicht ein“ –Medizinisches Gaslighting wird bei ME/CFS endlich hinterfragt

2026 ist ein Jahr der langsamen, aber tiefgreifenden Veränderungen. Was jahrzehntelang zum Alltag vieler ME/CFS-Betroffener gehörte – ignoriert, fehlbehandelt oder gar psychiatrisiert zu werden – wird endlich als systemisches Problem erkannt. Medical Gaslighting, also das Absprechen körperlicher Symptome durch Ärzt:innen, rückt zunehmend ins Zentrum fachlicher und gesellschaftlicher Debatten. Und das mit gutem Grund.

Denn noch immer tragen viele Erkrankte nicht nur das Gewicht ihrer Krankheit, sondern auch die Last der Missachtung. Ärztliche Kommentare wie „Da ist nichts“, „Sie müssen einfach wieder aktiv werden“ oder „Das ist nur Stress“ gehören für viele zum medizinischen Alltag. Dabei war und ist ME/CFS nie eine psychosomatische Modeerscheinung – sondern eine schwere neuroimmunologische Multisystemerkrankung.

Doch es bewegt sich etwas. Internationale Leitlinien, wie jene des britischen NICE oder die D-A-CH-Konsensleitlinie im deutschsprachigen Raum, setzen nun klar auf biomedizinische Erklärungsmodelle, warnen vor veralteten Empfehlungen wie Graded Exercise Therapy (GET) und betonen die Bedeutung von Pacing. Auch große Medien berichten fundierter, und in Forschung wie Lehre beginnt ein Umdenken.

Diese Entwicklung kommt spät – aber sie kommt. Und sie ist bitter nötig. Denn das medizinische System war über Jahrzehnte geprägt von strukturellen Vorurteilen: Die mangelnde Aufnahme von ME/CFS in Curricula, ein tief verwurzelter Gender Bias und ein enges Krankheitsverständnis, das nur das als „echt“ gelten ließ, was sich im Labor messen ließ. Dass viele ME/CFS-Betroffene äußerlich gesund wirken, ihre Blutwerte „unauffällig“ sind, wurde oft zur Grundlage ihrer Entwertung – nicht zur Einladung, genauer hinzusehen.

Heute liegt eine wachsende Zahl harter Befunde vor: veränderte Proteom- und Autoantikörperprofile, Hirnschädigungen im DTI nach COVID, Hinweise auf endotheliale Dysfunktion, Immunpersistenz und zellulären Energiemangel. Die Forschung bestätigt, was Patient:innen oft schon lange spüren – und endlich auch benennen dürfen: Nein, sie bilden sich das nicht ein

Trotz dieser Fortschritte bleibt die Lücke zwischen Forschung und Versorgung eklatant. Zu viele Ärzt:innen sind mit der Komplexität der Erkrankung überfordert, fühlen sich von Patient:innen, die oft besser informiert sind als sie selbst, bedroht – oder ziehen sich reflexhaft auf das zurück, was ihnen vertraut scheint: die Psychosomatik.

Doch auch hier ändert sich etwas. Immer mehr medizinische Fachpersonen beginnen, ihre eigene Rolle kritisch zu reflektieren. Langjährige Dogmen werden hinterfragt. Und vor allem: Die Stimmen der Betroffenen finden Gehör – in Publikationen, Leitlinien und sozialen Netzwerken. Sie fordern ein neues medizinisches Selbstverständnis, das nicht länger auf Macht, sondern auf Demut, Zuhören und Kooperation basiert.

Medical Gaslighting war nie ein individuelles Fehlverhalten – es war ein Symptom eines Systems, das sich schwer tat mit dem, was es nicht verstand. Doch 2026 zeigt: Es gibt Hoffnung. Und Wandel.