Chronische Müdigkeit, Schmerzen am ganzen Körper, schlechter Schlaf und Konzentrationsstörungen – das sind Symptome, die sowohl bei Fibromyalgie als auch bei ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom) auftreten können. Kein Wunder also, dass die beiden Erkrankungen häufig miteinander verwechselt werden. Doch obwohl sie sich auf den ersten Blick ähneln, trennen sie im Kern Welten – medizinisch, pathophysiologisch und therapeutisch.
ME/CFS ist eine schwere, chronische Multisystemerkrankung mit nachgewiesenem neuroimmunologischen Hintergrund. Ihr zentrales Merkmal ist die sogenannte post-exertional malaise (PEM), zu Deutsch: Belastungsintoleranz. Darunter versteht man einen unverhältnismäßig starken und oft verzögert einsetzenden Zusammenbruch der körperlichen und kognitiven Funktionen nach bereits geringer Aktivität. Ein Spaziergang, ein Telefonat oder zu langes Lesen können einen Crash auslösen, der tagelang anhalten kann und Symptome wie Fiebergefühl, Muskel- oder Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme, Benommenheit oder sogar Lähmungserscheinungen nach sich zieht. Die Energieproduktion ist auf zellulärer Ebene gestört, Sauerstofftransport und Blutfluss sind beeinträchtigt, das autonome Nervensystem reagiert dysfunktional. Auch das Immunsystem zeigt Überaktivität, Autoantikörper und chronische Entzündungszeichen.
Fibromyalgie hingegen gilt als zentrale Schmerzverarbeitungsstörung. Die Symptome werden vor allem durch eine Überempfindlichkeit des zentralen Nervensystems verursacht – vergleichbar mit einem ständig hochgedrehten Verstärker für Schmerzsignale. Die Betroffenen leiden unter chronischen, weit verbreiteten Schmerzen, die brennend, stechend oder dumpf sein können und meist dauerhaft präsent sind. Daneben treten ebenfalls Müdigkeit, Schlafprobleme und Konzentrationsstörungen auf – das sogenannte „Fibro Fog“. Doch anders als bei ME/CFS verschlechtern sich die Symptome in der Regel nicht dramatisch durch geringe Anstrengung. Im Gegenteil: Viele Patient:innen mit Fibromyalgie profitieren langfristig sogar von sanftem Ausdauertraining, moderater Bewegung und Rehabilitationsmaßnahmen.
Die Unterschiede in der Reaktion auf Belastung sind ein Schlüsselkriterium in der Differenzialdiagnose. Während ME/CFS-Betroffene bei körperlicher oder geistiger Überlastung einen teils tagelangen Rückfall erleiden, empfinden Fibromyalgie-Patient:innen häufig eine temporäre Schmerzsteigerung, die aber nicht mit einem systemischen Zusammenbruch des Körpers einhergeht. Deshalb ist es auch medizinisch gefährlich, die Erkrankungen zu verwechseln: Was der einen hilft – Bewegungstherapie – kann bei der anderen zu einer dramatischen Verschlechterung führen.
Auch der Krankheitsbeginn verläuft oft unterschiedlich: ME/CFS entwickelt sich häufig plötzlich, zum Beispiel nach einem Virusinfekt wie EBV, Grippe oder COVID-19, aber auch nach Impfungen, Operationen oder anderen körperlichen Belastungen. Bei Fibromyalgie beginnt die Symptomatik meist schleichend, nicht selten nach länger andauerndem Stress, emotionalen Belastungen oder Verletzungen. Zudem sind bei ME/CFS auffällige Komorbiditäten wie posturales Tachykardie-Syndrom (PoTS), Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) oder Temperaturregulationsstörungen häufig – bei Fibromyalgie nur selten und meist in milderer Form.
Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die Art der kognitiven Beeinträchtigung: Bei ME/CFS kommt es zu ausgeprägten Einschränkungen in Arbeitsgedächtnis, Reaktionsgeschwindigkeit, Wortfindung und Konzentrationsfähigkeit – oft abhängig von geistiger Belastung. Die Verschlechterung nach mentaler Anstrengung ist messbar und schwerwiegend. Bei Fibromyalgie treten Konzentrationsprobleme zwar auch auf, sind aber weniger belastungsabhängig und meist nicht so ausgeprägt.
Auch wenn beide Erkrankungen bis heute keinen eindeutigen Biomarker besitzen, zeichnen sich bei ME/CFS immer mehr objektive Veränderungen in Laborwerten und bildgebenden Verfahren ab – zum Beispiel bei der Diffusions-Tensor-Bildgebung des Gehirns, im autonomen Nervensystem oder im Immunprofil. Fibromyalgie hingegen bleibt bislang weitgehend eine klinische Diagnose, deren Grundlage die Schmerzwahrnehmung und Anamnese ist.
Die Folgen einer Fehldiagnose können gravierend sein. Wird ME/CFS als Fibromyalgie interpretiert, droht durch falsche Therapieempfehlungen wie Aktivierung oder Reha eine Verschlechterung bis hin zur Bettlägerigkeit. Umgekehrt kann es bei Fibromyalgie kontraproduktiv sein, die Patient:innen wie ME/CFS-Erkrankte zu schonen, da Bewegungsmangel hier langfristig eher schadet als nützt.
Die Botschaft ist klar: Auch wenn es Überschneidungen in den Symptomen gibt, unterscheiden sich die beiden Erkrankungen in Ursache, Verlauf und Therapieempfehlungen deutlich. Für eine angemessene Versorgung ist es deshalb entscheidend, genau hinzuschauen – und zu wissen, dass ME/CFS eine neuroimmunologische Belastungsintoleranz-Krankheit ist, während Fibromyalgie eine chronische Schmerzverstärkungsstörung darstellt.
Quellenverzeichnis
- PainScale: Differences Between Fibromyalgia and Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome.
https://www.painscale.com/article/differences-between-fibromyalgia-and-myalgic-encephalitis-chronic-fatigue-syndrome - Open Medicine Foundation Canada: What is Fibromyalgia?
https://www.omfcanada.ngo/what-is-fibromyalgia/ - Facebook-Beitrag zur Abgrenzung ME/CFS vs. Fibromyalgie (2023):
https://www.facebook.com/groups/1063785371126868/permalink/2047185216120207/ - D-A-CH-Konsensuspapier 2024 zur Diagnostik und Therapie von ME/CFS:
Hoffmann et al. (2024). Interdisziplinäres, kollaboratives D-A-CH-Konsensus-Statement zur Diagnostik und Behandlung von Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS).
https://doi.org/10.1007/s00508-024-02372-y - Winkler, N. & Meier, G. (2025). Das Monster danach. Die neue, alte Volkskrankheit ME/CFS. 2. Auflage. Hamburg.
https://www.nilswinkler.de/das-monster-danach (Verlagsinfos) - Balsak et al. (2025). Diffusion tensor imaging features of white matter pathways in the brain after COVID-19 infection. In: Die Radiologie.
https://doi.org/10.1007/s00117-024-01414-w