Immer wieder zeigt die Medizingeschichte ein beunruhigendes Muster: Erkrankungen, die sich medizinisch nicht erklären ließen, wurden vorschnell in den Bereich der Psychiatrie abgeschoben – oft mit gravierenden Folgen für die Betroffenen. Dabei lag der Fehler nicht bei den Patient:innen, sondern bei den Grenzen der damaligen diagnostischen Möglichkeiten. Nicht selten kam es erst Jahrzehnte später zur Korrektur: Dann, wenn die Wissenschaft aufgeholt hatte.
Ein klassisches Beispiel ist Multiple Sklerose (MS). Die Krankheit wurde lange Zeit als „hysterische Lähmung“ oder Konversionsstörung bezeichnet, vor allem bei Frauen. Ihre Symptome – Schwäche, Lähmungen, Sehstörungen – galten als Ausdruck emotionaler Instabilität. Erst mit dem Aufkommen bildgebender Verfahren wie der MRT und dem Nachweis von oligoklonalen Banden im Liquor wurde klar: MS ist eine Autoimmunerkrankung, die zur Demyelinisierung des zentralen Nervensystems führt
Ähnlich erging es Menschen mit Epilepsie, deren Anfälle historisch als Wahnsinn, Besessenheit oder Hysterie missverstanden wurden. Viele landeten in psychiatrischen Einrichtungen, obwohl ihre Symptome auf elektrische Fehlfunktionen im Gehirn zurückgingen – etwas, das erst mit der Entwicklung des EEG sichtbar wurde
Auch bei Morbus Parkinson und der Alzheimer-Krankheit zeigten sich ähnliche Entwicklungen: Was zunächst als psychogen oder als „normale Alterserscheinung“ abgetan wurde, entpuppte sich als neurodegenerativer Prozess mit klar nachweisbaren strukturellen Veränderungen im Gehirn
Doch die Fehleinschätzungen beschränkten sich nicht auf neurologische Erkrankungen. Magengeschwüre galten lange als Folge von Stress oder einer bestimmten Persönlichkeitsstruktur. Erst die Entdeckung von Helicobacter pylori entlarvte die wahre Ursache: eine bakterielle Infektion. Die psychiatrischen Erklärungsversuche verschwanden daraufhin fast über Nacht aus der Fachliteratur
Neurosyphilis, eine schwere Infektion des zentralen Nervensystems, führte über Jahrzehnte hinweg zu Fehldiagnosen wie „moralischem Verfall“ oder „Geisteskrankheit“. Auch die frühen Fälle von HIV/AIDS wurden vielfach als psychosomatisch verkannt, insbesondere wenn Symptome wie Fatigue, kognitiver Abbau oder Gewichtsverlust im Vordergrund standen
Ein besonders tragisches Beispiel ist die Autoimmunenzephalitis, etwa die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis: Viele Patient:innen, oft junge Frauen, wurden zunächst mit Schizophrenie oder bipolarer Störung diagnostiziert – bis klar wurde, dass ihr Gehirn durch fehlgeleitete Immunprozesse entzündet war
Auch seltene Stoffwechselkrankheiten wie Morbus Wilson (Kupferstoffwechselstörung) oder Porphyrie (Störung der Häm-Synthese) wurden lange als psychiatrische Erkrankungen fehlgedeutet, weil ihre Symptome – Psychosen, Persönlichkeitsveränderungen, kognitive Ausfälle – keinen offensichtlichen körperlichen Ursprung hatten. Nicht zu vergessen: Hirntumore, die vor der Einführung moderner Bildgebung oft als Depression oder Psychose diagnostiziert wurden.
Ein besonders aktuelles und weiterhin kontroverses Beispiel ist Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS). Jahrzehntelang galt es als „eingebildete Krankheit“, als Somatisierungsstörung oder Ausdruck falscher Krankheitsüberzeugungen. Dabei wächst inzwischen die Evidenzlage rasant: Studien belegen immunologische, neurologische, vaskuläre und metabolische Dysfunktionen. Expert:innen sprechen längst vom „wahrscheinlich am besten dokumentierten Beispiel für eine moderne psychiatrische Fehldiagnose“
Auch Fibromyalgie, früher als stressbedingte oder affektive Störung abgetan, wird heute als Störung der zentralen Schmerzverarbeitung mit neuroimmunologischen Veränderungen verstanden. Migräne, einst als „nervöse Konstitution“ belächelt, ist heute als neurovaskuläre Erkrankung anerkannt. Und Autismus, einst fälschlich den Müttern angelastet („Kühlschrankmutter-Theorie“), wird heute als genetisch-neurobiologische Entwicklungsstörung klassifiziert.
Diese wiederkehrenden Fehlzuschreibungen haben ein klares Muster. Die Psychiatrie übernahm oft dann die Deutungshoheit, wenn:
- keine objektiven Biomarker vorhanden waren,
- Symptome unsichtbar, fluktuierend oder subjektiv waren,
- vor allem Frauen betroffen waren,
- Symptome Bewusstsein, Fatigue, Schmerz oder Verhalten betrafen,
- medizinische Technologien für die Untersuchung von Gehirn, Immunsystem oder Mikrobiom fehlten.
Sobald objektive pathologische Befunde entdeckt wurden, „wanderten“ diese Erkrankungen stillschweigend zurück in den Zuständigkeitsbereich der somatischen Medizin.
Die wiederkehrende Fehlklassifizierung körperlicher Erkrankungen als psychisch erklärt, warum viele Patient:innen – etwa mit ME/CFS oder Long COVID – psychogene Erklärungen skeptisch gegenüberstehen. Diese Skepsis ist kein Ausdruck von Wissenschaftsfeindlichkeit, sondern beruht auf historischer Erfahrung. Zu oft wurde Leid entwertet, zu oft die Forschung erst ernsthaft begonnen, nachdem sich Betroffene über Jahrzehnte selbst Gehör verschafft hatten.
Die Lehre aus der Geschichte: Medizin muss sich mehr denn je auf interdisziplinäre Forschung, offene Diagnostik und das ernsthafte Zuhören konzentrieren – gerade dann, wenn Symptome nicht sofort messbar sind. Denn eines hat sich gezeigt: Der Körper ist oft unschuldiger als angenommen – und die Psyche trägt nicht immer die Verantwortung.
Quellen :
- Cleveland Clinic – Psychosomatic Disorder
👉 https://my.clevelandclinic.org/health/diseases/21521-psychosomatic-disorder - MDLinx – 5 Conditions That Mimic Psychiatric Disorders
👉 https://www.mdlinx.com/article/5-medical-conditions-that-mimic-psychiatric-disorders/2aAIlMRClHbug3SBgSVKp3 - Medical Offices of Manhattan – Six Diseases Mistaken for Mental Disorders
👉 https://www.medicalofficesofmanhattan.com/blog/six-diseases-often-mistaken-for-mental-disorders/ - National Library of Medicine (PMC) – Medical Conditions Mimicking Psychiatric Disorders
👉 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6007536/ - The Carlat Report – Medical Conditions That Mimic Psychiatric Illnesses
👉 https://www.thecarlatreport.com/articles/4976-medical-conditions-that-mimic-psychiatric-illnesses