Wer ME/CFS hat, kennt diese Szene: Man sitzt am Küchentisch, im Wartezimmer, vor dem Laptop – und plötzlich brennt der Nacken. Der Rücken wird hart wie ein Brett. Nach zehn Minuten fühlt es sich an, als hätte man einen Kraftakt hinter sich. Manchmal kippt nicht der Kreislauf weg, sondern die Muskeln: erst Ziehen, dann Brennen, dann diese bleierne Schwäche, die einen auf die Couch zwingt. „Ich kann mich nicht mehr halten“, sagen Betroffene. Und meinen damit nicht Antriebslosigkeit, sondern ein sehr konkretes Körperproblem.
Sitzen gilt in unserer Kultur als harmlose Zwischenstufe: nicht mehr liegen, noch nicht stehen. Für viele Menschen mit ME/CFS ist es das Gegenteil. Aufrecht sitzen kann sich anfühlen wie „Sport“. Und zwar wie der falsche.
Der Grund beginnt banal – und wird dann schnell biomedizinisch. Aufrecht sitzen ist keine Pausenhaltung. Der Körper arbeitet ständig gegen die Schwerkraft: Hals- und Nackenmuskeln stabilisieren den Kopf, die Muskulatur zwischen Schulterblättern hält den Oberkörper, Bauch- und Rumpfmuskeln sichern die Statik, Hüftstabilisatoren verhindern, dass man „zusammensackt“. Normalerweise läuft das im Hintergrund, als leises Summen der Physiologie. Bei ME/CFS kippt dieses Summen oft in Alarm.
Ein Erklärungsstrang: Die „Haltungsmuskeln“ ermüden bei ME/CFS ungewöhnlich schnell – selbst bei niedriger Daueranspannung. Was bei Gesunden kaum als Anstrengung zählt, kann bei Betroffenen rasch zur Überlastung werden. Nicht erst nach dem Aufstehen, nicht nach einem Spaziergang – sondern beim Sitzen. Dazu passt, dass ME/CFS als Multisystemerkrankung beschrieben wird, bei der schon geringe Belastungen eine Symptomzunahme auslösen können und Energiemanagement („Pacing“) deshalb zentral ist.
Der zweite Strang ist weniger intuitiv – aber für viele der entscheidende: Aufrechtsein ist Kreislaufarbeit. Orthostatische Intoleranz heißt das Fachwort für Symptome, die beim aufrechten Sitzen oder Stehen auftreten und sich im Liegen bessern. Das Spektrum reicht von Schwindel über „Brain Fog“ bis zu Druckgefühl, Übelkeit, Herzklopfen – und ja: Schmerzen und Muskelsymptomen. Johns Hopkins nennt ausdrücklich, dass orthostatische Intoleranz bei ME/CFS häufig ist und Symptome bei längerem Sitzen oder Stehen früh auftreten können. HealthLinkBC führt ebenfalls auf, dass Beschwerden beim aufrechten Sitzen/Stehen auftreten und im Liegen besser werden können.
Und jetzt wird es bemerkenswert: Es gibt Daten, die zeigen, dass schon Sitzen messbare Durchblutungsprobleme auslösen kann – nicht nur Stehen oder Kipptisch. In einer Studie an schwer betroffenen ME/CFS-Patient:innen reichte ein Sitztest aus, um den zerebralen Blutfluss im Mittel deutlich zu senken; bei Personen mit zusätzlicher POTS-Diagnose fiel er noch stärker ab. Das ist der Moment, in dem aus dem „Stell dich nicht so an“ ein physiologisches „Setz dich eben nicht hin“ wird – jedenfalls nicht aufrecht und nicht lange.
Was hat das mit brennenden Muskeln zu tun? Mehr, als man denkt. Wenn der Körper im Aufrechten Mühe hat, Blut sinnvoll zu verteilen, geraten auch die dauerhaft angespannten Muskeln unter Stress: weniger effektive Versorgung, schnelleres „Leerlaufen“ der Energieproduktion, raschere Schmerzsignale. Viele Betroffene beschreiben das nicht als verzögerten Muskelkater, sondern als unmittelbares Brennen, Zittern, „Kurzschluss“ – ein Gefühl, als würden die Muskeln in Echtzeit protestieren.
Der dritte Strang ist das autonome Nervensystem: Aufrechtsein bedeutet Feinarbeit. Gefäße müssen sich anpassen, Herzfrequenz und Blutdruck werden nachreguliert, Mikrobewegungen stabilisieren den Körper. Bei ME/CFS sind autonome Dysregulation und posturale Probleme häufige Mitspieler – mal laut (Herzrasen), mal leise (Spannung, Schmerz, Crash-Gefühl ohne klassischen Schwindel). Genau diese „leise“ Variante sorgt dafür, dass manche Betroffene nicht umfallen, aber trotzdem kapitulieren: nicht wegen Angst, nicht wegen „Kondition“, sondern weil der Körper im Sitzen schon sein Limit erreicht.
Und dann ist da noch die neurologische Komponente. Haltung ist ein ständiges Feedback-Gespräch zwischen Gehirn, Gelenken, Sehnen, Muskeln. Wenn diese Rückkopplung ineffizient läuft, kompensiert der Körper oft mit Überanspannung: Schultern hoch, Kiefer fest, Bauch angespannt. Das kann Schmerzen verstärken, Tremor begünstigen, Instabilität erzeugen – und kostet wiederum Energie. Ein Teufelskreis, der im Liegen oft überraschend schnell abklingt. „Ich muss mich hinlegen, um zu resetten“ – das klingt nach Lifestyle. Ist aber für viele eine Art Notfallknopf.
Was folgt daraus im Alltag? Vor allem: ME/CFS zwingt viele dazu, das gesellschaftliche Moralstück „Sitzen ist okay, Liegen ist faul“ umzuschreiben. Liegen ist nicht Kapitulation, sondern eine Strategie, den Körper aus der orthostatischen Belastung zu holen. Auch klinische Empfehlungen betonen, dass Überlastung – körperlich wie sensorisch – vermieden werden sollte und dass Kreislaufprobleme (inklusive orthostatischer Hypotonie/Intoleranz) häufig sind; praktische Maßnahmen wie ausreichend Flüssigkeit/Salz (wo passend) oder schonendes Management gehören zur symptomorientierten Behandlung.
Ganz praktisch heißt das oft: lieber halbliegend als kerzengerade. Kopf- und Nackenstütze statt „Haltung bewahren“. Lendenstütze, damit der Rumpf weniger arbeiten muss. Füße hoch oder auf einen Hocker, um Stabilität zu gewinnen. Früh die Position zu wechseln, bevor der Schmerz und Symptome Fahrt aufnehmen, ist nicht Luxus, sondern Prävention. Und wer nach dem Sitzen regelmäßig „abschmiert“, hat einen guten Grund, orthostatische Intoleranz gezielt abklären zu lassen; auch Behörden wie die CDC führen sie als wichtigen Symptomkomplex bei ME/CFS und nennen Verhaltensmaßnahmen, die Entlastung bringen können.
Natürlich bleibt das alles unerquicklich. Wer ständig liegen muss, verschwindet aus der Welt: aus Meetings, aus Familienrunden, aus dem Café. ME/CFS ist nicht nur eine Krankheit, sie ist ein sozialer Filter. Und weil man Betroffenen die Anstrengung im Sitzen nicht ansieht, wird sie gern kleingeredet. Genau dieses Missverständnis – dass aufrecht sitzen „doch nichts“ sei – zieht sich durch viele Erfahrungsberichte und durch die Versorgungslücke, die Betroffene oft in die Selbsthilfe drängt.
Vielleicht hilft ein Perspektivwechsel: Bei ME/CFS kann „aufrecht“ bereits „Belastung“ sein. Muskelbrennen beim Sitzen ist dann kein Drama aus Langeweile, sondern ein Symptom aus Neurophysiologie, Kreislaufstress und gestörter Energiebereitstellung. Wer das begreift, hört auf, Liegen zu bewerten – und fängt an, es als das zu sehen, was es für viele ist: die Vorauaupt noch etwas vom Tag übrig zu haben.
Quellen
- D-A-CH-Konsensuspapier 2024 (Diagnostik & Therapie ME/CFS): https://doi.org/10.1007/s00508-024-02372-y
- Studie: „Reductions in Cerebral Blood Flow Can Be Provoked by Sitting …“ (PMC Volltext): https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7712289/
- Johns Hopkins Medicine – ME/CFS Überblick: https://www.hopkinsmedicine.org/health/conditions-and-diseases/chronic-fatigue-syndrome
- HealthLinkBC – ME/CFS Überblick: https://www.healthlinkbc.ca/healthwise/myalgic-encephalomyelitischronic-fatigue-syndrome
- PatientWorthy (Medienbericht zur Sitz-Studie): https://patientworthy.com/2020/12/28/sitting-position-linked-blood-flow-myalgic-encephalomyelitis/
- CDC (Toolkit PDF) – Symptommanagement inkl. Orthostatic Intolerance: https://www.cdc.gov/me-cfs/pdfs/toolkit/management-specific-symptoms_508.pdf