Viele Menschen mit ME/CFS kennen diese Situation: Der Körper reagiert plötzlich mit Herzrasen, Zittern, Luftnot, Schwindel oder einem massiven inneren Alarmzustand. Für Außenstehende – und leider oft auch für Ärzte – sieht das aus wie eine Angst- oder Panikstörung. Die Diagnose folgt schnell. Doch sie greift in vielen Fällen zu kurz. Denn was hier beobachtet wird, ist häufig keine Angst, sondern eine körperliche Fehlregulation, die fälschlich als Angst interpretiert wird.
Der entscheidende Punkt ist dieser:
ME/CFS verursacht nicht zwangsläufig Angst. Viel häufiger verursacht ME/CFS körperliche Symptome, die äußerlich wie Angst wirken, aber eine physiologische Ursache haben und Teil der Erkrankung selbst sind.
Bei ME/CFS ist das autonome Nervensystem oft gestört. Dieses System steuert Herzfrequenz, Blutdruck, Atmung und Stressreaktionen. Wenn diese Steuerung aus dem Gleichgewicht gerät, kann der Körper jederzeit in einen Alarmmodus schalten – unabhängig davon, ob eine Bedrohung wahrgenommen wird oder nicht. Das Herz rast, Adrenalin wird ausgeschüttet, der Körper zittert, der Atem wird flach. Für Beobachter sieht das aus wie Panik. Für Betroffene fühlt es sich genauso an. Der entscheidende Unterschied: Die Symptome entstehen nicht aus Angstgedanken oder emotionaler Panik, sondern aus einer fehlgeleiteten körperlichen Regulation.
Hinzu kommen häufig Durchblutungsstörungen, etwa bei orthostatischer Intoleranz oder POTS. Beim Aufrichten versackt Blut in den Beinen, das Gehirn wird schlechter versorgt, der Körper versucht gegenzusteuern – mit Herzrasen, Atemnot, Benommenheit. Auch das wird schnell als „Angstreaktion“ fehlgedeutet, obwohl es sich um ein messbares Kreislaufproblem handelt.
Auch neuroinflammatorische Prozesse spielen eine Rolle. Entzündliche Veränderungen im Gehirn können die Reizverarbeitung und Stressregulation massiv beeinträchtigen. Betroffene sind dann überempfindlich gegenüber Licht, Geräuschen oder sozialen Reizen. Das Nervensystem ist dauerhaft übererregt. Diese Übererregung wird oft als „innere Unruhe“ oder „Angst“ beschrieben, ist aber in Wahrheit Ausdruck eines überlasteten, entzündlich beeinflussten Gehirns.
Ein weiterer Faktor ist die Energiekrise im zentralen Nervensystem. Wenn dem Gehirn nicht genug Energie zur Verfügung steht, fehlt die Fähigkeit zur emotionalen und sensorischen Regulation. Reize werden nicht mehr gefiltert, selbst Kleinigkeiten fühlen sich überwältigend an. Das Resultat kann wie Angst aussehen, ist aber eher eine Form neurologischer Überforderung.
All diese Mechanismen haben eines gemeinsam: Sie funktionieren auch dann, wenn keine Angst vorhanden ist. Viele Menschen mit ME/CFS berichten ausdrücklich, dass sie innerlich ruhig sind – während ihr Körper gleichzeitig in einen massiven Alarmzustand kippt. Die Angst wird ihnen von außen zugeschrieben, nicht von innen erlebt.
Das bedeutet nicht, dass Menschen mit ME/CFS keine echte Angst entwickeln können. Eine schwere, unvorhersehbare, existenziell bedrohliche Erkrankung kann selbstverständlich psychische Belastungen nach sich ziehen. Zukunftsangst, Kontrollverlust und medizinisches Nicht-Glauben sind reale Stressoren. Diese Form von Angst ist nachvollziehbar und real. Sie ist jedoch nicht dasselbe wie die körperlichen Symptome, die so häufig vorschnell als Angststörung etikettiert werden.
Das Problem entsteht dort, wo diese Unterscheidung nicht gemacht wird. Wenn körperliche Symptome von ME/CFS automatisch psychologisiert werden, bleiben die zugrunde liegenden Störungen unbehandelt. Eine Diagnose „Angststörung“ erklärt dann zwar das Erscheinungsbild, aber nicht die Ursache. Sie verschiebt den Fokus vom Körper auf die Psyche – und verfehlt damit häufig die Realität der Erkrankung.
Deshalb ist Präzision so wichtig. Bei ME/CFS geht es in vielen Fällen nicht um Angst, die Symptome verursacht, sondern um Symptome, die wie Angst aussehen. Das ist kein semantischer Unterschied, sondern ein medizinisch und menschlich entscheidender.
Wer diesen Unterschied versteht, hört auf zu fragen, warum Betroffene „so ängstlich“ sind. Und beginnt zu fragen, warum ein Nervensystem so aus dem Gleichgewicht geraten ist, dass es permanent Alarm schlägt.
Quellenverzeichnis
- PsyPost (2024): Brain scans reveal neural connectivity deficits in Long COVID and ME/CFS
Zeigt objektive Veränderungen der Hirnkonnektivität, die emotionale Regulation und Reizverarbeitung betreffen – relevant für Symptome, die fälschlich als Angst interpretiert werden.
https://www.psypost.org/brain-scans-reveal-neural-connectivity-deficits-in-long-covid-and-me-cfs/ - D-A-CH-Konsensuspapier ME/CFS (2024)
Interdisziplinelles Konsensus-Statement zur Diagnostik und Behandlung von ME/CFS; beschreibt autonome Dysfunktion, orthostatische Intoleranz und neurologische Symptome ausdrücklich als somatisch.
https://doi.org/10.1007/s00508-024-02372-y - Balsak et al. (2025), Die Radiologie: Diffusion Tensor Imaging nach COVID-19
Belegt mikrostrukturelle Schäden in weißen Hirnsubstanzbahnen nach COVID-19, die mit neurokognitiven und vegetativen Symptomen assoziiert sind.
https://doi.org/10.1007/s00117-024-01414-w - Health Anxiety in CFS/ME – University of Bath (peer-reviewed PDF)
Differenziert zwischen tatsächlicher Angststörung und krankheitsbedingten körperlichen Symptomen, die als Angst fehlgedeutet werden.
https://purehost.bath.ac.uk/ws/portalfiles/portal/185716061/Final_accepted_Health_anxiety_in_CFSME.pdf - Ewing et al. (2025): Long COVID clinical evaluation – Global Expert Consensus
Internationales Konsensuspapier, das neurologische und autonome Beteiligung bei Long COVID (mit starker Überlappung zu ME/CFS) betont und Psychologisierung ausdrücklich kritisiert.
https://doi.org/10.1186/s12941-025-00793-9 - Scheibenbogen et al. (Charité): Evidenzbasierte Therapieempfehlungen bei ME/CFS
Beschreibt orthostatische Intoleranz, autonome Dysregulation und Stressintoleranz als Kernprobleme der Erkrankung.
https://cfc.charite.de/ - Winkler & Meier (2025): Das Monster danach – Die neue, alte Volkskrankheit ME/CFS
Journalistisch-medizinische Aufarbeitung mit Schwerpunkt auf Fehlinterpretationen, psychosomatischer Stigmatisierung und autonomen Symptomen.
https://www.winkler.io/mecfs-buch/ - Patient Education and Counseling (2025): Medical Gaslighting bei Long COVID
Analysiert systematische Psychologisierung und Fehlzuschreibung von körperlichen Symptomen als Angst oder psychosomatische Störung.
https://doi.org/10.1016/j.pec.2025.108665