Nö, ME/CFS ist nicht psychisch

Eine aktuelle australische Studie liefert eindrückliche Zahlen zur Lebensrealität von Menschen mit Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) – und räumt zugleich mit einem hartnäckigen Missverständnis auf. Die schwerwiegendsten Einschränkungen dieser Erkrankung liegen demnach nicht primär im Bereich der psychischen oder emotionalen Gesundheit, sondern vor allem in den körperlichen und funktionalen Dimensionen.

Untersucht wurden über einen Zeitraum von zwölf Monaten die medianen Ergebnisse des international etablierten SF-36v2 Health Survey (36-Item Short-Form Health Survey, Version 2). Diese wurden mit Normwerten der australischen Allgemeinbevölkerung verglichen. Das Ergebnis: Menschen mit ME/CFS (PwME/CFS) zeigen durchgehend und tiefgreifend reduzierte Werte in nahezu allen gesundheitsbezogenen Lebensbereichen – besonders stark jedoch in jenen, die körperliche Belastbarkeit, Rollenfunktion, Vitalität und allgemeine Gesundheit betreffen.

Die in der Studie dargestellte Abbildung macht deutlich, dass die größten Abweichungen von der Normalbevölkerung gerade nicht in den Skalen zur psychischen oder emotionalen Gesundheit liegen. Zwar sind auch diese Bereiche beeinträchtigt – was angesichts einer chronisch schweren, oft existenziell einschränkenden Erkrankung kaum überrascht. Dennoch widerlegt die Datenlage klar die Vorstellung, ME/CFS sei vor allem oder überwiegend ein psychisches Problem.

Vielmehr dokumentiert die Studie eine anhaltende Krankheitslast, die sich über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg kaum verändert. Diese Stabilität der Einschränkungen unterstreicht den chronischen Charakter der Erkrankung und die fehlenden wirksamen Versorgungsstrukturen für Betroffene.

Die Autorinnen und Autoren kommen zu einem deutlichen Fazit: Die konsistenten und tiefgreifenden Beeinträchtigungen machen einen verbesserten Zugang zu Behinderten-, Sozial- und Unterstützungsleistungen dringend erforderlich. In Australien – so die Forderung – sei dafür eine gezielte gesundheitspolitische Reform notwendig. Diese Aussage lässt sich ohne Weiteres auch auf viele andere Länder übertragen.

Die Studie trägt damit nicht nur zur wissenschaftlichen Einordnung von ME/CFS bei, sondern liefert auch ein starkes Argument für eine evidenzbasierte Sozial- und Gesundheitspolitik, die die tatsächliche Krankheitslast anerkennt – jenseits von Stigmatisierung und Fehlzuschreibungen.

Die vollständige Studie ist frei zugänglich und kann hier nachgelesen werden:

👉 https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0338433

Quelle:

“Sustained illness burden over time among Australians with ME/chronic fatigue syndrome”, PLOS ONE

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