Wenn die Mahlzeit zur Qual wird – Verdauungsprobleme bei ME/CFS

Für die meisten Menschen ist Essen eine Quelle der Energie, manchmal sogar des Trosts. Für viele Betroffene von ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom) aber wird jede Mahlzeit zum Risiko. Kaum etwas gegessen, bläht sich der Bauch, das Herz rast, Schwindel setzt ein, manchmal folgen Erschöpfung, Übelkeit oder Durchfälle. Diese Symptome sind weit mehr als eine Befindlichkeitsstörung – sie sind Ausdruck einer schwerwiegenden Systemerkrankung, die nicht nur den Energiehaushalt, sondern auch das Verdauungssystem massiv beeinflusst.

Was auf den ersten Blick wie ein Reizmagen wirkt, hat in Wahrheit eine neurologische Grundlage. Inzwischen ist gut belegt, dass bei ME/CFS das sogenannte autonome Nervensystem gestört ist – jener Teil des Nervensystems also, der Körperfunktionen wie Verdauung, Herzschlag und Kreislauf automatisch steuert. Im Krankheitsverlauf geraten diese Systeme aus dem Takt. Die Folge: Der Magen entleert sich langsamer als üblich, die Muskulatur des Darms arbeitet unregelmäßig, Verdauungsenzyme werden verzögert oder unzureichend ausgeschüttet. Das Resultat: Nahrung verweilt zu lange im Magen-Darm-Trakt, beginnt zu fermentieren, es entstehen Gase, die zu schmerzhaftem Druck führen. Viele Patientinnen und Patienten berichten von einem Gefühl, als würde der Bauch „explodieren“. Dazu kommt bei vielen eine ausgeprägte Überempfindlichkeit der Darmnerven – medizinisch spricht man von viszeraler Hypersensitivität. Schon normale Mengen an Luft oder Dehnung der Darmwand können dabei als schmerzhaft wahrgenommen werden. Es handelt sich also nicht um eine Überreaktion der Psyche, sondern um eine messbare Störung der Signalverarbeitung im enterischen Nervensystem – dem sogenannten Bauchhirn.

Hinzu kommt die energetische Dimension. Denn Verdauung ist ein aufwändiger Prozess. Bei ME/CFS, einer Erkrankung, die mit massivem Energiemangel einhergeht, kann schon die Verarbeitung einer kleinen Mahlzeit ausreichen, um einen sogenannten postprandialen Crash auszulösen. Die Betroffenen fühlen sich dann schlagartig erschöpft, werden blass, frieren, manche müssen sich hinlegen, andere kämpfen mit Übelkeit, Schwindel oder Konzentrationsstörungen. Größere Mahlzeiten verschärfen die Beschwerden – viele meiden daher normale Portionen, essen langsam und bevorzugen einfache, leicht verdauliche Lebensmittel.

Einige entwickeln mit der Zeit auch sekundäre Verdauungsprobleme: Die Darmflora gerät aus dem Gleichgewicht, es kommt zu bakterieller Fehlbesiedelung im Dünndarm, zu Histaminintoleranzen oder Nährstoffmängeln. Auch Durchfälle treten auf – entweder infolge von Fehlverdauung oder als Ausdruck immunologischer Prozesse im Darm. Diese Probleme sind dabei nicht die Ursache, sondern Folge einer Grunderkrankung, die das vegetative, neurologische und immunologische Gleichgewicht dauerhaft stört.

Die Diagnose dieser gastrointestinalen Symptome ist kompliziert. Häufig werden sie als psychosomatisch abgetan, weil Laborwerte oft unauffällig bleiben. Doch Studien belegen mittlerweile, dass der Darm bei ME/CFS-Patienten messbare Veränderungen zeigt – etwa in der Peristaltik oder in der Reizverarbeitung. Diese Erkenntnisse sind in der medizinischen Ausbildung bislang kaum angekommen. Die Folge: Viele Erkrankte suchen jahrelang nach einer Erklärung, stoßen auf Unverständnis – und landen nicht selten in einem Teufelskreis aus Rückzug, Mangelernährung und Verzweiflung.

Medikamentöse Heilmittel gegen diese Verdauungsprobleme gibt es derzeit nicht. Doch viele Betroffene entwickeln individuelle Strategien, um ihren Alltag erträglicher zu gestalten: Sie essen kleinere Mahlzeiten, meiden Reizstoffe, ruhen vor und nach dem Essen, verwenden Wärmekissen oder trinken vorsichtig warmes Wasser. Nicht alles hilft jedem, aber vieles hilft ein wenig. Auch das Wissen, dass diese Symptome kein Zeichen von Schwäche oder Einbildung sind, sondern Ausdruck einer realen, körperlichen Störung, kann entlastend sein.

Ärztlich abgeklärt werden sollten die Symptome dennoch – insbesondere wenn Gewichtsverlust, blutige Stühle, nächtliche Schmerzen oder anhaltendes Erbrechen hinzukommen. In diesen Fällen können weitere organische Ursachen oder Komorbiditäten vorliegen, die behandelt werden müssen. In den meisten Fällen jedoch sind diese Beschwerden Teil des bekannten ME/CFS-Spektrums – sie brauchen nicht bagatellisiert, sondern verstanden und entsprechend begleitet zu werden.

Dass das Essen für viele Betroffene nicht mehr Kraftquelle, sondern ein Kraftakt ist, bleibt eine der vielen tragischen Facetten dieser Krankheit. Eine Erkrankung, die lange unsichtbar war – und für viele immer noch unsichtbar ist. Dabei gehört sie inzwischen zu den häufigsten postinfektiösen Langzeitfolgen nach COVID-19. Und auch dort zeigt sich immer wieder: Der Darm ist oft das erste Organ, das aus dem Gleichgewicht gerät. Aber selten das einzige.


Weiterführende Quellen: